Alsace: In der Rennradsaison ist noch Luft

Wir treten zum 3. Pass der Runde an, zum Col de la Schlucht. Es ist ein außergewöhnlich schöner Herbsttag im Alsace, den wir für einen Rennrad-Ausflug in die Vogesen nutzen. Die Straßen sind verkehrsarm, gleichmäßig in ihren Steigungen, gefällig in den Abfahrten. Um uns herum Wald und Weinberge, kleine Dörfer und viel blauer Himmel. Mit einem Wort: ein Rennrad-Paradies.

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super gsi im Alsace

In Summe eine sehr gemütliche Runde, die wir einmal mit einer Kaffee-Pause unterbrechen, gelegentlich ein Foto schießen und in den Kurven bei den Abfahrten vor glatt-nassen Abschnitten besonders acht geben. Unweit von Ribeauville übernachten wir in einer kleinen Pension, essen am Abend drei Platten lokalen Flammkuchens und sind lange vor Mitternacht schon im Bett. Auch wenn das Wetter am nächsten Tag uns einen zweiten Rad-Tag verbietet und wir uns stattdessen Colmar und Basel widmen, ist das ein schönes Wochenende. Wir staunen vor allem über die Nähe: in 2,5 Stunden von uns nach Colmar. Das ist definitiv auf unserem Radarschirm für die frühen Jahresmonate!

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116 Kilometer, 2.400 Höhenmeter

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Das Elsass ist vor allem viel Wald

Sitzen und spekulieren am Refuge de Cosmique

Bereits zum dritten Mal sitzen wir im “Aux Petit Gourmet” in Chamonix, mit müden Beinen, heißen Gesichtern und leeren Köpfen. Der café au lait tut sichtlich gut, ich recke mich entspannt in die Höhe, fühle mich wohler in meinen Straßenschuhen und Hose, doch der Berg bleibt in meinen Gedanken kleben und seine Bilder lassen mich nicht los. Diesmal sitzen wir nicht allein, Walter und Heinz, beide aus Innsbruck, leisten uns Gesellschaft, schon wie in den letzten beiden Tagen. Wieder und wieder lassen wir die letzten Stunden Revue passieren, diskutieren über unsere Entscheidungen, versuchen eine Spur Ratio darin zu finden, was wir getan und was wir nicht getan haben.

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die Sicht am Aiguille du Midi am Freitag

Wie so oft am Berg beginnt und endet alles mit dem Wetterbericht. Den Mut nach Chamonix zu fahren, wieder und immer wieder, gibt nur die Aussicht auf ein, zwei Fenstertage Sonnenschein am Gipfel des Mont Blanc. Es tönt so gut: Freitag noch etwas bewölkt, Samstag und Sonntag nur mehr Sonne. Im Geiste sind wir im Aufbruch, und auch am Mittwoch Abend, als die Wettervorschau für Sonntag etwas schlechter ist, haben wir schon gepackt. Donnerstag um 10.00 fahren wir los, das Wetterfenster ist wieder etwas kleiner geworden, doch Samstag bleibt unser Gipfeltag. Fünf Stunden später fahren wir in ein wolkenverhangenes Chamonix, marschieren in Ski-Montur durch die Stadt. Nichts Außergewöhliches hier, doch schon die Dame am Kartenschalter zur Aiguille du Midi warnt indische Touristen: keine Sicht da oben, völlig im Nebel. Für heftige 42 Euro pro Nase lassen wir uns trotzdem nach oben bringen, und sind auch die einzigen, die den Ausstieg in die Nebelsuppe zum Grat wagen. Es ist warm, der Schnee patzig, wir stampfen hinunter, wissen nicht, was wir davon halten sollen, uns beschäftigt nur eins: die Refuge de Cosmique in diesem weißen Nichts nicht zu verpassen.

Wir treten in die Hütte ein, aber auch die Hüttenwirtin warnt dezent und doch bestimmt: Freitag wird kein lustiger Tag. Damit können wir leben, schlimmstenfalls in der Hütte ein wenig akklimatisieren. Als wir am Abend dann Walter und Heinz beim Abendessen begegnen, packen wir unseren ursprünglich Plan wieder heraus, zumindest auf die Schulter des Mont Blanc du Tacul aufzusteigen und dort, jetzt gemeinsam, eine Spur anzulegen. Wie ein Blankoscheck wird der aktuelle Wetterbericht von Tisch zu Tisch gereiht und verspricht nichts Gutes. Keine Sicht, Schneefall. Am Freitag versuchen wir es zweimal, zum Tacul zu kommen, doch die fehlende Sicht macht eine Orientierung schwierig und gefährlich. Am Nachmittag geben wir es auf, dösen in den Schlafkojen, lesen, beschäftigen uns mit der Taktik für den Gipfeltag.

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der geladene Hang zur Schulter des Mont Blanc du Tacul am Vorabend

Der nächste Wetterbericht kommt herein, in der Nacht soll es aufklaren, die Temperaturen fallen. Das tut es auch, doch am Berg liegen 30 bis 50 cm Neuschnee. Die Bindung zum Altschnee ist schlecht, die Lawinenwarnstufe steigt regional auf über 3000 m Seehöhe auf 3 an. Ich krieg einen schweren Kopf, schnaufe durch. Soll es das wieder gewesen sein? Wir hören von anderen, dass sie gegen 02.00 den Gipfelanstieg wagen wollen. Wir wollen erst gegen 3.30 losgehen, wenn überhaupt, möglichst wenig im Dunkeln spuren, um nicht irgendwo in eine Falle zu tappen. Als wir dann um 03.00 frühstücken, blinzeln die Sterne am dunklen Himmel. Das Wetter hält. Aber was macht der mächtige Hang am Tacul? Gestern Abend hatten die Wolken für kurz eine Sicht darauf freigegeben. Für wenige Sekunden, die sich aber ins Auge brennen: der Hang schaut geladen aus. Niemand von uns vier kann viel essen, wir sind alle mit den Gedanken am Aufstieg. Wir sind bereit in die Kälte hinauszutreten, als Walter die Lichter der ersten Gruppe am Col du Midi entdeckt – sie kehren zurück!

Wir warten, bis diese Seilschaft am Refuge ankommt. Wie wir schon am Freitag gesehen haben, als ich bei einer kleinen Abfahrt ein Mini-Schneebrett auslöste: die Bindung zwischen Neuschnee und alter Grundschicht ist nicht vorhanden, man kommt schlicht den steilen Hang nicht hoch, da der Schnee abrutscht. Es ist wie in einem Hamsterrad, du stampfst und stampfst, aber deine Ski halten nicht. Augenblicklich wissen wir, dass wir auch diesmal nicht einmal zum Gipfel des Mont Blanc aufbrechen werden können. Auf dem Weg zurück in das Matratzenlager sehe ich die Lichter der aufsteigenden Gipfelaspiranten von der Refuge de Grand Mulets. Auch dieser Weg führt zum Gipfel, hat aber keine derartigen Steilpassagen wie unserer. Ich liege bis sechs Uhr halbwach im Bett, die Gedanken kreisen ständig um den Berg, finde keinen Schlaf, nicht wegen des schnarchenden Italieners in der Ecke.

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Morgenabfahrt am Mer de Glace

Die Sonne glüht bereits um sechs Uhr auf den Osthang des Mont Blanc. Wir sehen, dass die Aufsteiger über die Grand Mulets ebenfalls abgefahren sind. Da oben müssen ebenfalls Massen von Schnee liegen. Ohne viel Worte zu verlieren wissen wir, was an diesem Sonnentag zu tun ist: Skitouren gehen. Wir fahren zunächst das Mer de Glace bis auf 2.900 m bei bestem Pulver ab. Das ist wahre Ironie. Hier ist es das Beste, was uns passieren kann. Keine Spalten, kein Bruchharsch, nur feinster Pulver. Und am Tacul wohl das Schlechteste. Nach einer Sonnenpause drehen wir um und steigen wieder hoch – zum Cirque Maudit, die uneinnehmbare Westseite des Mont Maudit; dieser Berg ist von seiner anderen Seite eine der Schlüsselstellen des Aufstiegs vom Refuge de Cosmique zum Mont Blanc. Wir laufen brav hoch, vorbei an legendären Bergen und Wänden, bewundern die Silhoutten von Grand Capucin, Mont Maudit, la Tour Ronde. Die Jause tut gut, jetzt knurrt der Magen, die wie immer spektakuläre Abfahrt über das Mer de Glace dauert auch seine Zeit. Auch wenn es in Montevers bereits wieder regnet, und ich müde in die Wagonbank sinke, geht es wieder weiter. Vom Bahnhof zum Auto, vom Auto in die Innenstadt, und irgendwann kurz vor Drei auch wieder zurück nach Hause. Am Berg lernt man Frusttoleranz, oder man schmeißt seine Ski- und Bergausrüstung für immer und final in die Kellerecke. Und am Berg lernt man Freundschaften, die es so im Tal vielleicht nicht gegeben hätte. Trotz oder wegen der widrigen Umstände. Letztlich dauert es keinen Tag nach unserer Rückkehr, dass ich den Wetterbericht wieder konsultiere. Und fast wie immer verspricht er in der zweiten Wochenhälfte neuen Schnee am Mont Blanc.

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hinauf und vorbei am Capucin

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im Cirque Maudit

Navigieren am Gletscher, ohne Sicht und Spur

Von der Cabane du Trient (3.170 m) hatten wir uns geistig schon längst verabschiedet: schon am Nachmittag studierten wir die Abstiegsroute über den Glacier du Tour. Das wechselhafte Wetter beim Aufstieg wollte sich weiterhin nicht ändern, die Bergspitzen um uns herum verschwanden fortwährend in Wolkenschwaden, Nebel schlich über das Plateau.

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Die Wolken sind aufgerissen, der Wind lässt uns am Plateau du Trient wenig Luft zum Atmen

Die Nacht verging ruhig, das spanische Pärchen neben uns waren die einzigen, die in unserem Lager schliefen. Unsere lauten Tischnachbarn, die unseren Nachtisch ohne unsere Zustimmung einstreifen wollten, mussten wir zum Glück nicht ertragen. Der Morgen verläuft dennoch etwas hektisch, da das Frühstück für alle entweder um 06.00 oder um 07.00 serviert wird. Da ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei. Draußen pfeift der Wind, als wir als die ersten aus der Hütte treten und im Skiraum unsere Ausrüstung komplettieren. Es ist kalt, die Sicht ist aber recht gut und so laufen wir recht schnell auf das Plateau du Trient und weiter zum Skidepot unter der Aiguille du Tour (auf ca. 3.450 m).

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Das Col Superieur du Tour hinter uns, ein Blick auf die Karte bevor es neblig wird

Der Wind ist zu stark, als dass wir uns an die Besteigung dieses Gipfels wagen. Stattdessen fahren wir etwas südlich ab, zum Col Superieur du Tour (3.289 m), um auf den Glacier du Tour zu gelangen.  Auch hier müssen wir kraxeln, aber nach unten. Es geht auch ohne Seil, wir schaffen die paar Felsblöcke ohne Probleme und fahren dann auf einer gigantischen Zunge auf den Gletscher hinaus.

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Im Nirgends oberhalb des Glacier du Tour

Nun zieht die Wolkendecke zu und für den Rest des Tages sehen wir keine Sonne mehr. Der Nebel wird schnell so dicht, dass wir keine Felskonturen mehr erkennen können. Ich schalte mein GPS ein, und mit Hilfe der Karte können wir unsere aktuelle Position recht gut feststellen. Vorsichtig tasten wir uns nach Norden gegen eine Felsenkette (Signal Reilly) vor, passieren ein paar größere, aber sichtbare Spalten und erwischen die Einfahrt zu einer Seitenmoräne, die uns bis unter das Refuge Albert 1er bringt. Wir markieren diese Position im GPS, um im Notfall immer zurückkehren zu können.

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Die Wolkendecke schon oberhalb von uns, der Gletscherabbruch in seiner ganzen Dimension

Nun folgen wir den Anweisungen der Karte, den Sommerweg auch als Skiroute zu nutzen, um den großen Gletscherbruch nach Norden auszuweichen. Diese Trasse ist von Beginn an ein Gehweg, den wir oft nur mit Steigeisen und Pickel bewältigen können. Oft ist der Weg steil von Schnee und Eis überdeckt, Querungen sind deshalb zeitraubend und umständlich. Immer wieder müssen wir solche Passagen meistern, bevor wir oberhalb des Skigebiets von Le Tour ankommen. Wir schnallen die Ski an, schwingen die steilsten Hänge herunter und tummeln uns bald unter den Pistentouristen auf der Abfahrt.

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Beate in einem der vielen steilen Quergänge, die Pickel und Steigeisen erforderten

Von Le Tour gelangen wir per Bus kostenlos nach Argentiere zum Büssle. Eine Recherche im Tourismusbüro in Chamonix ergibt, dass für die nächsten zwei Tage am Mont Blanc Windspitzen mit über 100 km/h erwartet werden. Also wieder nichts. Wir trösten uns in der Altstadt mit Cidre und Crepes. Auch der Versuch, im Wallis nochmals zu punkten, mißlingt: wir bekommen zwar noch Platz auf der Britannia-Hütte, aber am nächsten Morgen ist das Wetter weiterhin zu schlecht für eine Skihochtour. Der Wind ist zu heftig, genauso wie die Parkgebühren in Saas Fee: 26 SFR Tagespauschale! Wir brechen die Unternehmung ab, fahren über Bern nach Hause. Die Ski bleiben freilich noch im Büssle, wir hoffen noch.

Pistaziennüsse am Fenetre de Saleina

Ganz hatten wir die Idee vom Mont Blanc noch nicht aufgegeben, trotz des Wetterumschwungs Anfang letzter Woche. Wir fuhren nach Hause, brachten die Ausrüstung in Ordnung, zeigten uns wiedermal im familiären Umkreis, und wußten, wir kehren noch einmal zurück. Zwei Tage später standen wir wieder in Chamonix.

Für die nächsten zwei Tage war wechselhaftes Wetter vorhergesagt. Für uns also Zeit, eine zweitägige Tour einzuschieben. Gestartet sind wir von Argentiere (1.252 m) aus mit der etwas in die Jahre gekommenen Seilbahn hinauf auf die Grand Montets (3.238 m). Im etwas harschigen, zerfahrerenen Schnee gehts langsam über den Glacier des Rognons auf den Glacier d’Argentiere, der auf ca. 2.560 m für uns den Ausgangspunkt des Aufstiegs bildet.

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Blick vom Glacier d’Argentiere hinauf zur Route

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erste Steilpassage…

Das Wetter ist schön, in der Ferne sind ein paar Wolken zu sehen, und der Anstieg zum Col du Chardonnet, einer von zwei Pässen, die wir überwinden müssen. Die erste Steilpassage überwinden wir teils zu Fuß, teils per Ski. Auf unserer Route sind sehr wenige andere Skitourengeher unterwegs, was uns ein wenig überrascht, da dies der Ausgangspunkt für die klassische Haute Route darstellt. In jüngerer Zeit optiert man allerdings zu einem weiter östlich gelegenen Pass, der nicht ganz so heikel ist wie der Col du Chardonnet (also über den Col du Passon). Wir gelangen nach dieser ersten Steilstufe auf ein Hochtal, dem wir nun recht flach folgen und auf zwei Basken treffen, die an diesem Tag ihre erste Etappe nach Bourg St.Pierre laufen.

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im Hochtal zum Col du Chardonnet

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super gsi!

Das schmale Joch (3.323 m) fällt nach Westen eher steil ab. Ein Fixseil hilft, sich ohne großartigen Standbau sicher abzuseilen. Weiter unten gehts dann mit den Ski wieder weiter, wir queren ohne großen Höhenverlust den Glacier de Saleina nach Norden. Die letzten 50 Höhenmeter zum Fenetre de Saleina (3.267 m) müssen wir wieder auf allen Vieren hoch, treffen am Pass unsere zwei Basken wieder, mit denen wir Schokoloade gegen Pistaziennüsse tauschen.

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weiter über den Glacier de Saleina

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einmal mehr, auf allen Vieren hoch

Es zieht Nebel auf, das Plateau du Trient verschwindet im weißen Nichts. Grob orientierend halten wir und nach Nordost und finden mit Hilfe der Spur und einem kurzen Nebelloch die Cabane du Trient (3.170 m).

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kurzes Nebelloch – und die Cabane du Trient erscheint!

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Schnell noch einen Gipfel mitgenommen: Pointe d’Orny

Wir lassen diese aber noch rechts liegen, steigen zunächst auf den Pointe d’Orny (3.269 m) und fahren dessen steilen Südwesthang zur Hütte ab. Es zieht wieder zu, und wir hoffen, wiedermal, auf besseres Wetter für die Rückkehr ins Tal.

Mont Blanc: einen Tag zu spät

Auf unserer Haute Route hatten wir großes Wetterglück. Bis auf einen wolkigen Tag gab es nur wolkenlosen Himmel. Aber spätestens nach einem Telefonat mit dem Hüttenwirt der Refuge Grands Mulets ist klar geworden, das dies nicht so bleiben wird. Wir grübeln, und beschließen aufzusteigen.

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Das Wetter ist noch gut, wir queren die Nordhänge der Aiguille du Midi

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den Mont Blanc sehen wir noch nicht, dafür den Glacier des Bossons, den wir überwinden müssen

Von Chamonix nehmen wir die Seilbahn zur Mittelstation (Plan de l’Aiguille, 2.310 m). Der Himmel zeigt nur wenige Wolken, und wir queren im Schatten die Nordwand der Aiguille du Midi, kommen langsam zum Glacier des Bossons. Die als “La Jonction” bekannte Passage ist spaltenreich und von vielen Seracs bedroht.

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die Jonction kommt näher

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immer wieder riesige Spalten, die wir nur gesichert überwinden können/wollen

Wir folgen zuversichtlich der breitesten Spur, und finden uns im Labyrinth des Gletscherbruchs wieder. Viele Schneebrücken und Spalten können wir nur sehr mühsam überwinden. Manchmal mit Ski, manchmal mit Steigeisen, aber immer am Seil und mit Sicherung über einen Stand queren wir die heiklen Stellen. Viele Brücken sind kritisch ausgeapert. Alles geht gut, und wir starten unseren Steilaufstieg zum Refuge Grands Mulets (3.051 m). Auch die letzte Passage, eine kurze Kletterei im Fels an einer Kette, hindert uns nicht daran, endlich ins Warme der Hütte zu kommen. Draußen hatte das Wetter umgeschlagen, während wir uns zwischen den Gletscherspalten abgemüht hatten.

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die letzten Meter zum Refuge Grands Mulets als Kraxel-Spaß

Auch der Hüttenwirt, der uns viele Routen-Infos vermittelt, meint, dass für morgen Nachmittag ein Sturm aufziehen wird. Wir wissen, was das heißt. Entweder in der Nacht aufbrechen und so früh vormittags am Gipfel sein, oder vom Bosses-Grat weggeblasen zu werden.

Ein reiches Abendessen und wenige Stunden Schlaf später taumeln wir gegen 02.00 aus unserem Lager. Wir müssen nicht allzu leise sein. Wir sind die Einzigen auf dieser Hütte. Wir blicken hinauf in den Hang, und sehen gar nichts. Die Wolken haben den Berg bereits fest umschlossen. Für uns ist klar, heute geht nichts. Im Dunkeln und im Nebel, in einer Wand die wir nicht kennen, mit einer Wettervorschau, die einen Sturm in rund 12 Stunden ankündigt, das sind für uns Gründe genug, das Unternehmen abzublasen. Es fällt uns nicht leicht, da wir uns körperlich fit fühlen, aber wir sind auch erleichtert, dass die Entscheidung gefallen ist. Am nächsten Morgen sehen wir warum: die Spur ist teils verblasen, teils verschneit, und der Weg durch den Gletscherbruch zurück zum Plan de l’Aiguille ist nicht einfacher. Wir fahren am Seil ab, schlüpfen durch vorher besser ausgekundschaftete Wege aus diesem Reich der Spalten, kommen mit kleinen Gegenanstiegen endlich zur Mittelstation. Hier wird uns klar: auf dem Weg zum Mont Blanc sind wir als Alpinisten jedenfalls einige Millimeter gewachsen, gerade im Rückzug.

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am nächsten Morgen: Skiabfahrt am Seil

In Chamonix genießen wir die Cafés, versorgen uns für die Rückreise. Das Wetter wird in den nächsten Tagen schlecht, hier gibt es für uns nichts zu holen. Wir wollen einen Waschtag und einen Erholungstag einlegen, und die Wetterentwicklung in den Alpen weiter beobachten. Ein paar Tage haben wir noch übrig, vielleicht geht noch was.

Mit den Ski über die Brèche Puiseux

Vom Mixed-Klettern am Mont Blanc du Tacul hatte ich einen ordentlichen Appetit mitgebracht. Das Abendessen in der Refuge des Cosmiques (3.613 m) teilen wir mit zwei Alpin-Gendarmen in Ausbildung, von denen sich einer beim Eisklettern ein frisches blaue Auge geholt hat – ein Eisstückchen hat ihn beim Abseilen im Gesicht getroffen. Auch wenn er nachts im Lager unaufhörlich schnarchen sollte, ich war einfach zu müde, um mich hierdurch stören zu lassen.

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am Glacier des Périades

Auch am nächsten Tag scheint die Sonne, dazu weht allerdings konstant ein etwas stürmischer Wind. Etwas angespannt schauen wir nach draußen. Am ersten Tag hatten Wolken die Route über die Bréche Puiseux verunmöglicht. Nun fahren wir alleine südlich des Gros Rognon über den Glacier du Géant ab, der Schnee ist hier windgepresst und zerfahren, unangenehm zu fahren. Der schwere Rucksack macht es nicht leichter, bei jedem Stoß kommt das Gepäck am Rücken nach vorne. Irgendwann überwinden wir die Serac-Zone (Séracs du Géant) und stehen am Salle à Manger (ca. 2.400 m Seehöhe).

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bereits im steilen Couloir hinauf zur Bréche Puiseux

Lange beraten wir nicht, wie wir durch die Spaltenzone gehen müssen, um auf den Glacier des Périades zu gelangen. Ich spure leicht, später etwas schwerer, da wir ständig im Triebschnee einbrechen. Wir wechseln, Mathieu führt nun bis zum gut versteckten Einstieg in das gut 300 m hohe Couloir zur Bréche Puiseux (3.432 m). Wir schnallen die Ski auf die Rucksäcke, die Steigeisen auf die Skischuhe.

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geschafft, Bréche Puiseux

Das rund 45° steile Couloir gewinnen wir langsam. Ich schnaufe, zähle meine Schritte bis zur nächsten, kurzen Pause, wuchte mich wieder ein paar Meter hoch, zähle, schnaufe, spüre das schwere Gepäck, und irgendwann kommen wir endlich in die Sonne. Auf allen Vieren krieche ich hinauf, Meter für Meter, klettere die letzten Stufen über Fels und Eis, hinauf zum scharfen Grat der Périades. Wir machen uns fertig für zwei Abseillängen nach Osten, zum Glacier du Mont Mallet.

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zwei Abseillängen von der Bréche Puiseux ins andere Tal

Das angebrachte Fixseil macht keinen guten Eindruck, ich hänge noch einen Prusik hinzu, bevor ich mich dem Seil anvertraue. Alles geht gut, auch wenn ich es nicht besonders mochte, schnalle wieder meine Ski an meine Füße, mache am Stand alles fertig für die Abfahrt, die wir nun selbst durch die Gletscherspalten finden müssen. Es ist in den letzten Tagen niemand hier gewesen, wir werden die erste Spur ziehen dürfen.

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Blick zurück zur Bréche Puiseux (im Bild rechts)

Wir beratschlagen uns kurz, fahren dann einzeln, in Sichtweite und in Spur ab. Der Weg ist gut, der Schnee besser. Der erste richtige Pulver seit Tagen, und hinter der Spaltenzone fahren wir dann wie die Wilden. Die Beine brennen, die Kräfte lassen nach, das schwere Gepäck wirft uns hin und wieder um. Irgendwann am Nachmittag gewinnen wir über den Glacier de Leschaux das Mer de Glace. Ein letzter Aufstieg (1.638 m) zwingt uns die Ski nochmals auf die Schulter zu heben, dann gehts in engen Kurven und mit kurzen Tragepassagen fast bis nach Chamonix hinunter.

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Pulver für uns allein

Es dauert fast zwei Stunden, bis wir uns wieder erholt, umgezogen, getankt und eingekauft haben. Müde und zufrieden sitze ich hinter dem Lenker nach Martigny. Wenn alles gut geht, genieße ich diese Gegend in zwei Wochen wieder. Mit Beate.

Mixed-Klettern am Mont Blanc du Tacul

Nach einem interessanten Ski-Tag am Aiguille du Midi und dem Gletscher-System am Mont Blanc Massif ging der erste Teil des Chamonix-Ausflugs mit einer leichten Eiskletterei in der Nähe von Argentière zu Ende. Für mich war es eine Akklimatisation der besonderen Art. In dieser gewaltigen Bergwelt komme ich mir sehr rasch ganz klein und unbedeutend vor, Ehrfurcht entsteht.

Auch am nächsten Tag habe ich dieses Gefühl, wenn es mit der Kabinenbahn auf die Aiguille du Midi hinauf geht. Gewaltiger Granit in braun-oranger Farbe türmt sich hier überall auf, wir steigen vorsichtig zum Skidepot ab und fahren zur Refuge des Cosmique ab.

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Auf dem Weg zum Mont Blanc du Tacul; der rechte Rand des Felsriegels ist unser Ziel

Deutlich leichter (Gepäck bliebt im großen und ganzen auf der Hütte zurück) marschieren wir zum Wandfuß des Mont Blanc du Tacul (4.187 m). Ausgehend von ca. 3.670 m Seehöhe überwinden zunächst einen etwas lästigen Bergschrund. Die erste Seillänge führe ich im leichten Gelände (45°) über Eis und Schnee, Mathieu dann die nächste zum ersten Felsen. Oberhalb von uns wehen zwei Seilschaften ständig Schnee und Eis herunter, wir duschen an diesem Tag ausgiebig. Kleinste Schneebretter schießen über meinem Helm nach unten hinweg, als ich mich in die Eistrasse in der Goulotte Chéré wage. Das Eis ist gut, nicht spröde, meine Steileisgeräte liegen gut. Ich finde immer genug Halt, um meine Eisschrauben zu setzen, hänge währenddessen genüsslich an meiner Leine, die sich Mathieu in der Zwischenzeit (nach unserem Weisstannental-Gekraxle) auch besorgt hat. Hin und wieder nutze ich auch einen Riss im Fels für einen Friend, ich steige und steige, ich fühle mich sehr sicher.

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am Bergschrund, und dann geht’s nur noch hinauf durch die Enge der Goulotte Chéré

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super gsi!

Nach fünf langen Seillängen wird uns langsam wärmer, aber da sind wir schon am Ende der Route angelangt. Wir machen alles fertig für den Abstieg, seilen uns nacheinander durch den engen Couloir und letztlich über den Bergschrund zu unserem Skidepot ab. Mich trennt nur noch eine halbe Stunde von einem großen, heissen Kaffee.

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Mathieu schlägt sich durch

Impressionen vom Mont Blanc Massif

Nach feinen drei Tagen in den Bergen um den Mont Blanc und in Chamonix, wo gerade die Bergsteiger der Welt ihre Piolets d’or erhalten, gibt es allerlei zu berichten. Schwerpunkt der alpinen Aktivitäten, die ich wieder mal mit Mathieu (TödiClariden,Piz PalüPiz Bernina zusammen mit Beate, Traverse an der Meije, Weisstannental) in Angriff genommen habe,  war wohl das Eisklettern. Bilder und Berichte folgen noch zu zwei interessanten Touren:

Zur Einstimmung habe ich ein paar ausgewählte Bilder aus dem Mont Blanc Massif mitgebracht…

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Aiguille du Midi

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die Nordwand der Grandes Jorasses

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le Petit Drus

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am Mer de Glace, in der Bildmitte die Aiguille du Tacul

Die finalen Längen an den Dentelles

Nun neigte sich unsere Woche in der Provence endgültig dem Ende zu. Nach einem Radvormittag in der Camargue, einer Stadtbesichtigung in Nimes und ein Betrachten des weltberühmten Aquädukts Pont du Gard (der Parkplatz mit Eintritt wäre mit 15 Euro recht heftig ausgefallen), wollten wir uns vor der längeren Rückreise noch ein paar Seillängen gönnen.

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Beate in der Dämmerung

Dank unserem Kletterführer “France Haute Provence” vom Rockfax Verlag (das Buch ist gleich aufgebaut wie der hier beschriebene Kletterführer “France – Cote d’Azur) fanden wir den Weg zum Klettergebiet recht rasch. Das Buch ist fantastisch und übersichtlich aufgebaut und bietet wieder einmal mehr eine schöne Auswahl an tollen Klettergebieten für alle, die über kein lokales Insider-Wissen verfügen.

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Der tolle Kletterführer von Rockfax

Die Dentelles de Montmirail (Nähe Gigondas, unweit von Orange im südlichen Rhone-Tal) sind ein beliebtes Gebiet, welches aus mehreren Klettersektion besteht. Single-Pitch-Routen oder Mehrseillängen sind möglich, fast alle Routen sind sehr gut abgesichert. Ein 70m-Seil ist in manchen Längen notwendig, wir kamen aber mit unserem 60m-Einfachseil auch überall hin.

Wir wurden erst um halb sechs abends am Rocher du Grand Travers vorstellig, und trotzdem war noch recht viel los. Der kleine Parkplatz war zum Bersten voll. Wir kletterten bis es dunkel wurde (erst dann wurde es wirklich still), packten endgültig unsere Sachen und fuhren entlang der Rhone flussaufwärts über Lyon nach Hause. Es war eine großartige Woche gewesen, die wir nur allzu gerne um ein Vielfaches verlängert hätten.

Impressionen aus Nimes

Unser Besuch in der Camargue war sehr kurz, aber auch sehr angenehm gewesen. Schon auf dem Weg nach Norden zu unserem letzten Klettergebiet im größeren Umkreis von Orange kamen wir auch an Nimes vorbei, einer Stadt aus historischer Zeit. Das Ausmaß der Altstadt hat uns verblüfft, wir hätten noch ein bis zwei Tage dort locker länger verweilen können. Nimes hatte bei uns einen stärkeren Eindruck hinterlassen als die Metropole Marseille.

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früher Wassergräben, heute Spaziermeile

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die Altstadt besticht durch viele kleine Plätze

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das Kolosseum aus römischer Zeit

Auf dem Radsattel zu den Flamingos

Nach einer sehr ruhigen Nacht am Museé de Camargue parkten wir unser Büssle nicht unweit in . Die Calanques fehlten uns jetzt schon, aber jeder neue Tag brachte auch immer neue faszinierende Eindrücke. So auch an diesem Tag, als wir uns mit den Rennrädern nach Saintes Maries de la Mer machten, eines der Stierzuchtzentren für die französische Version der Corrida. Marta hätte damit überhaupt keine Freude, und auch uns interessierte das überhaupt nicht.

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Die Camargue am Morgen

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Flamingos beim Frühstück

Stattdessen bewunderten wir auf unserer Flachland-Etappe das Marschland der Camargue mit seiner vielfältigen Vogelwelt. Die Perle dieser Vogel-Fauna ist wohl eine Kolonie von Flamingos, die ganzjährig hier Quartier bezogen haben. Sowohl im Wasser als auch in der Luft sind sie ein Spektakel.

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Radsattel gegen Gartenstuhl getauscht: Chateau d’ Avignon

Die Runde füllte einen Großteil unseres Vormittags. Über Arles (einkaufen) wollten wir nach Nimes, einer ebenfalls antiken Stadt mit sehenswertem Kern.