Mt. Humphreys: Granitkletterei auf über 4.000 Meter

Die Sonne brennt bereits um 08.00 herunter. Der Cowboy-Hut tut hier gute Dienste. Ich bin seit eineinhalb Stunden unterwegs, gehe entlang einer Offroad-Piste. Ich wundere mich, ob hier vielleicht wieder ein Fahrzeug vorbeikommt und mir den Zustieg um viele Kilometer verringert. Es kommt nicht.

Gestern komme ich in Bishop an. Müde vom Mount Dade mache ich alle notwendigen Besorgungen: tanken, Wasser nachfüllen, einkaufen, Kaffee trinken, alle Geräte aufladen. Beim großen Kundenparkplatz von Vons stehen einige große Reisemobile. Ich stelle mich einfach dazu. Und gehe mit einer Portion Kartoffel-Wedges in der Hand über die Straße zum Rodeo.

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der Schnee ist schon etwas dünn gesät

Um fünf stehe ich etwas müde auf. Die Esel und Maultiere vom Rodeo haben die halbe Nacht gewiehert. Ich schaufle meine Haferflocken herunter, starte den Wagen und fahre über die 168 gegen Westen. Nach einer Abzweigung wird die Straße ruppig, und ich muss früher als erwartet den Wagen abstellen. Zu ausgewaschen für’s Büssle. Das freut mich gar nicht. Das wird ein langer Tag – 32 Kilometer und 2.000 Höhenmeter.

Ich sehe schon von Weitem, dass in der Gegend der Schnee etwas mager verteilt ist. Die Couloirs sind gefüllt, und eventuell die Gletscherwannen, in die ich nicht hineinsehe. Was ich sehe sind lange Wege. Und das genügt. Die Ski bleiben im Wagen, und ich mache mich auf. 13 Stunden später bin ich ausgehungert, durstig und glücklich wieder beim Büssle.

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Twin Couloir re vom Mt. Humphreys (Mitte)

Der Weg zieht sich, naturgemäß. Zumindest ist er sichtbar und ohne dichtes Gebüsch. Nach wenigen Stunden stehe ich am McGee Lake, zum Fuß des Mt. Humphreys und anderer Anhöhen. Ich finde eine Quelle, die aus dem Fels sprudelt, und fülle meine Flasche nach. Ich bin spät dran, wie ich finde, dennoch will ich zum Gletscherrand und mir zumindest das Couloir unterhalb des Gipfelturms anschauen. Als ich oben ankomme, gehe ich einfach weiter. Es schaut so nah aus. Aber schon der Weg um das Gletscherbecken ist mühsam: tiefer, weicher Schnee. Jeder Tritt wird dreimal gemacht, damit ich nicht weiter einsinke als bis zum Knie. Der Bergschrund macht keine Probleme, und so schaue ich nach oben und denke, das müsste eigentlich gehen. Die Twin Couloirs steilen sich nach oben auf und ziehen sich über 150 Höhenmeter. Ich merke, dass das eine lange Sache sein wird – der Schnee ist sehr weich, nass und tief. Es braucht viel Kraft, das linke Couloir zu erklimmen, wobei ich am Schluss in den Felsen nach rechts aussteige und diesen erklettere. Ich stehe am Nordgrat unterhalb des Gipfelturms. Und das mit Stil: mit Cowboy-Hut durch das Couloir!

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Blick vom Gipfel zum McGee Lake

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der Granit-Turm fein zum Hochkraxeln

Der Turm ist nochmals gute 150 Höhenmeter hoch. Schnee liegt zwischen den Blöcken, und ich lasse die Steigeisen, Pickel und alles andere zurück. Der Granit ist trocken und nur gelegentlich mit Eis überzogen. Ich klettere meine eigene Linie, sicher im 3.Grad. Wunderbare Schuppen, schöne Risse. Es dauert fast eine Stunde bis ich oben am Gipfel des Mount Humphreys (4.263 m) stehe. Von dort sehe ich, dass viele Schlingen, Bergseile und Sicherungen parallel zu meiner Route angebracht wurden, damit auch wirklich jeder hier hoch und runter kommt. Meist ist das Abklettern eines solchen Turms aufregender als andersrum. Ich brauche 20 Minuten dafür, und nochmals die gleiche Zeit, um das Couloir abzusteigen. Es ist mühsam, der Schnee um 16.00 ist sehr weich, ich sinke oft bis zum Becken ein. Als ich am McGee Lake endlich den Gletscher hinter mir lasse, bin ich entspannt, wechsle meine klatschnassen Alpinstiefel gegen trockene Joggingschuhe. Das Paar Bergsocken ist zum Auswinden nass, ich steige ohne Socken in die Schuhe, und blute später dafür. Es ist fünf, und ich habe noch viele Kilometer zu laufen. Die Wasserquelle aus dem Felsen tut mir da gute Dienste.

mt-humphreys

nur in der Sierra Nevada: der Mountain-Cowboy; im Hintergrund “mein” Twin-Couloir”

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  1. […] gewinnt die Landschaft nochmals an Dramatik. So viele Erinnerungen an den letzten Mai! Lone Pine, Bishop, Tom’s Place. Und dann Mammoth Lakes. Ein Bergsport-Ort erster Güte. Ski, Fels und Eis. Ich […]

  2. […] die Ski im Büssle. Die Sierra wird mir in bester Erinnerung bleiben – tolle Klettereien (Mt. Humphreys, University Peak, Mt. Sill, Matterhorn Peak), rassige Abfahrten (Bloody Mountain, Mt. Dade) und […]

  3. […] mache ich mich für die heutige Tour fertig. Es ist eine reine Bergtour, genau wie gestern am Mt. Humphreys. Ohne Ski. Der Weg ist einige Kilometer kürzer und auch die Höhenmeter sind etwas weniger. Aber […]

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