Mt. Baker: Mit Ausdauer durch das Wetterfenster

Mit schwerem Rucksack machen wir uns auf den Weg in die North Cascades. Das Auto schafft es nur eine Meile die Forststraße 13 hoch (ca. 800m), dann ist Schluss: tiefe Schneefahrbahn. 7 Kilometer mehr zu gehen als geplant. Noch auf der Fähre von Juneau nach Bellingham haben wir diese Tour geplant, und mit den Wetterprognosen gespielt. An zwei Halbtagen soll es halbwegs schön sein. Den ersten Halbtag nehmen wir uns für den Aufstieg zum Sandy Camp. Und das ist nicht zu knapp kalkuliert.

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Unser Nachtplatz an der Forststraße 13

Die Forststraße macht eigentlich einen guten Eindruck. Der Schnee ist zerfahren von Motorschlitten, und auch am nicht gekennzeichneten Trailhead folgen wir einfach dieser breiten Autobahn. Die Orientierung in diesem Wald von Spuren ist schwierig, die Sommerwege sind nicht angeschrieben. Wir folgen den natürlichen Merkmalen wie Erhebungen, Lichtungen und Felsformationen. Der Rucksack fühlt sich bald lästig an. Die Sicht ist nicht besonders, aber in diesem Gelände noch nicht so wichtig. Entlang und unterhalb der Reailroad Ridge laufen wir hoch, halten für das eine oder andere Schwätzchen mit einem Skidoo-Fahrer. Angebote uns hochzufahren lehnen wir dankend ab. By fair means.

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Railroad Ridge, wolkenverhangen

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unser Biwak am Sandy Camp

Dort, wo sich Railroad Ridge in den Easton Glacier einverleibt, da liegt Sandy Camp (1.850 m). Es ist nicht gekennzeichnet, wir finden nichts ausser Schnee. Und unser Gletscher-Biwak für die Nacht. Bei Sonne bauen wir das Zelt auf, errichten eine Windmauer, machen es uns gemütlich. Gut so, denn als wir uns ins Zelt zurückziehen, dreht ein Westwind auf, und bald beginnt es zu schneien. Die Nacht wird entsprechend unruhig, die Zeltwände flattern, der Schnee prasselt auf uns nieder. Kann es morgen weiter hinauf gehen oder müssen wir unverrichteter Dinge wieder ins Tal zurückkehren? Typische Bergsteiger-Gedanken im Biwak. Die Wettervorhersage sagt ja, der misstrauische Geist sagt nein. Im warmen Schlafsack lesen und plaudern wir noch ein bißchen, dann sind wir mit unseren Gedanken an den nächsten Tag mit uns allein. Ausrüstung, Kleidung, vor allem Routenwahl. Wie werden wir uns durch die Spaltenzonen bewegen? Wird die Sicht ausreichend sein?

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Schnee schmelzen für’s Frühstück

Der nächste Morgen ist eine Enttäuschung. Es schneit immer noch. Dem Geräusch nach ist es ein Schneeregen, und die Schwere des Schnees auf unseren Zeltwänden gibt dem Verdacht recht. Alle paar Minuten drücke ich den Schnee vom Dach, blicke aus dem Zelt nach draußen, keine Sicht, schließe das Zelt und verkrieche mit wieder in den Schlafsack. Dieses Spiel wiederholt sich alle 15 Minuten. Um 08.00 hört der Schneeregen auf, der Wind gibt auf. Langsam wird die Luft klar, und damit auch die Sicht. Das Wetterfenster scheint anzukommen. Ich beginne, Schnee zu schmelzen, Tee und Porridge zu kochen, wir machen uns bereit. Beate wachst nochmals die Felle. Keine schlechte Idee bei diesem nassen Schnee. Irgendwann schleichen wir uns aus dem Zelt. Klettergurt anlegen, Pickel und Steigeisen in den Rucksack, ab in die immer noch feuchten Innenschuhe der Ski-Boots. Beate bereitet noch das Seil vor, und schon laufen wir angeseilt in den Easton Gletscher hinein. Das Wetter wird immer besser.

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noch ein paar Hundert Höhenmeter zum Giant Peak

Wir haben tatsächlich Glück. Um 09.30 ist die Sicht mehrere hundert Meter weit, später ist gar der Krater am Mount Baker zu sehen. Wir diskutieren wie immer die Routenwahl, aber am Seil ist das immer etwas schwerer: 15 Meter Abstand heißt entweder schreien oder aufeinander warten. Überhaupt ist das Skibergsteigen am Seil am Gletscher einiges mühsamer als frei zu laufen. Der Vordermann (Beate) muss die Route alleine suchen und das Tempo so wählen, dass der Hintermann (Mark) auch bei Kehren mit dem Seil mitkommt. Der Hintermann läuft eigentlich wie ein Esel hinterher und muss sich stets auf das vor ihm baumelnde Seil konzentrieren: es darf nicht schlapp sein, und nicht irgendwo festklemmen. Man hat hinten also recht wenig Freude an der Umgebung, denn eine kleine Unaufmerksamkeit und schon zieht das Seil am Vordermann. Hinten läuft man immer das Tempo vom Vordermann, man hat das Gefühl wie bei einem Intervalltraining.

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in der Roman Wall

Wir schaffen es ganz gut und recht direkt durch die Spaltenzonen – eher östlich des Gletschers hin zum Sherman Peak, dann zum Kraterrand, und dann von der Orientierung einfach durch die Roman Wall zum breiten Gipfelplateau. Von dort ist es ein Katzensprung zur Gipfelerhebung (Giant Peak, 3.286 m) des Mount Baker. Oben bläst es gewaltig, und auch wenn wir immer noch Sonne haben, es ist plötzlich eisig kalt. Ein Blick nach unten sagt, dass wir uns beeilen müssen: die Wolken aus dem Tal steigen plötzlich auf, auf dem Easton Gletscher droht ein White-out. Klar für die Abfahrt sind wir in wenigen Minuten und entscheiden uns gegen das Anbinden. Die Oberfläche beim Anstieg wirkte gefestigt. Aber auch ohne Seil wird die Abfahrt anstrengend, der Schnee ist nicht ideal (oben etwas windgepresst, weiter unten wieder sehr schwer). Wir folgen unserer Aufstiegsspur, denn die Wolken hüllen uns ein und wir sehen recht wenig. Erst beim Zelt und unter den Wolken wird die Sicht wieder deutlich besser. Hier lässt die Anspannung nach, wir gratulieren uns nochmals, essen, trinken, und werden müde.

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Abfahrt am Mt. Baker Krater vorbei

Wir dürfen nicht müde werden, denn die Anstrengungen am Mount Baker sind noch nicht vorbei. Zunächst müssen wir wieder mit dem gesamten Biwak-Gepäck bis zur Scheibers Meadow abfahren – eine sehr mühsame Angelegenheit bei diesen Schneeverhältnissen. Und dann die verschneite Forststraße bis zum Büssle mehr oder weniger zurückschieben. 7 Kilometer. Die spüren wir in den Schultern, aber mehr noch die großen Rucksäcke. Gerne werfen wir sie ab. Tauschen die nassen Socken gegen trockene. Löschen unseren Durst und versuchen Ordnung in das Ausrüstungschaos zu bringen. Ordnung ist das oberste Prinzip des Büssle-Lebens. Auch wenn es noch so klein ist, man kann Dinge für Jahre dort verlieren. Wir verlieren uns nicht, steuern auf der Baker Lake Road hinaus und zurück zur pazifischen Küste, wo wir irgendwo zwischen Seattle und Bellingham einen Nachtplatz suchen.

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  1. […] Auto droht mit der Unterseite „aufzubocken“. Wir bräuchten einen Landrover hier. Das war am Mount Baker anders. Und das früher Aufstehen in Vancouver scheint unbelohnt zu bleiben. Enttäuscht drehen wir […]

  2. […] Mt. Baker liegt schon wieder einen Tag hinter uns. Ein Abenteuer von der Sorte, das uns liegt: einsam. Wir kehren nun nach Kanada zurück, hin zur Perle der kanadischen Westküste – Vancouver. Die Skyline ist atemberaubend, die Atmosphäre ansteckend. Wir konnten uns nicht satt sehen, und treffen spät am Tag mit Derek und Angela zum Abendessen. Es wird ein langer Abend. Hier könnten wir länger verbleiben, Vancouver ist großartig. Und doch treibt es uns um 06.00 morgens aus der Stadt, in Richtung Squamish, Whistler, … und Derek pilotiert uns aus der Stadt hinaus. […]

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