Kamchatka: in eine neue Welt

Das Flugzeug ist voll, gepackt mit Russen und uns zwei. Die Sonne geht an Steuerbord auf, ein russisches Frühstück haben wir hinter uns. Genauso wie Arten, eine Kleinstadt am Rand des Flughafens von Vladivostok, und die Betrunkenen in der Reihe hinter uns. Sie schnarchen nun friedlich ihren Rausch der letzten Nacht weg, sabbern auf ihre T-Shirts aus dem offenen Mund. Ich weiss nicht, ob das ein komischer Beitrag werden soll. Das geht dann so: am Gang in der vorletzten Reihe zu sitzen ist geil. Ständig hat man die Hände der Leute, die von der Toilette zu ihren Sitzen zurück kehren, auf der Schulter. Oder die übergroßen Brüste alter Frauen im Gesicht, wenn sie sich just an meiner Sitzreihe an jemanden vorbei drängen. Das ist dann wie eine Watsche. Tatsch-Tatsch. Oder die Bierbäuche der Kerle Marke Trucker-Fahrer. Das ist dann wie ein Wischmopp. Die hübschen Mädels mit den langen Stiefeln bleiben derweil stets irgendwo vorne, stehen ab und zu auf und richten sich die Haare. Aber die versoffenen, aufgedunsenen Gesichter prägen das Kabinenbild. Da hilft kein Augenzumachen. Irgendwie tun mir die Stewardessen leid. Jeden Tag den Bier- und Vodkafahnen ein Frühstück ausschenken, sich an den Dickbäuchen vorbeidrängen. Das Leben über dem Ochotskischen Meer scheint kein leichtes. Ich hab ein Rückflugticket, andere nicht. Tatsch-Tatsch, wieder ein Packung im Gesicht, paschalusta, spaciba.

Stiefel sind hier sehr ‘in’. Stewardessen haben sie, die Zöllnerinnen haben sie (mit Absatz), auch die Streifenpolizistinnen – nebst Schlagstock und Halfter. Das übt schon eine gewisse Faszination aus. Eheringe haben hier auch viele. Scheint auch in zu sein.  Vielleicht weil es Sitte ist. Oder aus Gold, wie manche Zahnreihen. Ich trage schon lange keinen mehr, Ehering meine ich. Ist eine zu lange Story, wie es dazu kam. Jedenfalls fing die Spirale der Ereignisse, die zum Nicht-Tragen führten, an irgendeinem gewöhnlichen Arbeitstag vor etlichen Jahren an. Eigentlich so ziemlich bald nach unserer Hochzeit. Eine lange Nachtschicht im Krankenhaus, viel Stress, und schon findet Beate ihren Ring nicht mehr in ihrer Wäsche – geklaut oder verloren, wer weiss. Der Rest ist Geschichte, und hoffentlich bald auch die Füße meines schnarchend-sabbernden Hintermanns, die unter meinem Sitz hervor kriechen und meine Fersen kitzeln.

yelizovo

‘Die Vulkane Kamtchatkas’ – ab morgen nicht nur auf der Kaffeetasse

Ist das Leben ein Ablaufdiagramm, das vordefinierte Bahnen, Ereignisse, Entscheidungen kennt? Je nach Input verschiedenen Output erzeugt, aber das Design dem Prinzip nach festgelegt ist? Wenn ja, dann suche ich den Ausgang. Den Sprung hinaus aus diesem Flieger, voller Bierbäuche, der Gedränge, des Gezerres. Es ist zu eng hier drin. Da kommt die Wildnis gerade recht, die Einsamkeit und Kamchatka.

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  1. […] sein GPS, denn bei diesen Sichtverhältnissen wissen wir bald nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Kamchatka. Mit dem langsam finster werdenden Licht werden die Kontraste der Schneeoberfläche immer schwerer […]

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